Geist stirbt nicht

Es ist schon lange her und spielt genau in der Zeit, an welche sich die von Frau Dr. Almut Leh interviewten Zeitzeugen erinnern: 1957 – Der Kirchenausschluss von Bezirksapostel Kuhlen, Apostel Dehmel, Apostel Dunkmann und vieler anderer ist gerade zwei Jahre her. Noch ein Jahr weiter zurück und es sind auch noch Namen wie Apostel Otto Güttinger aus der Schweiz zu nennen, mit weiteren Leidensgenossen.

Es ist die Zeit, an die sich später auch neuapostolische Zeitzeugen erinnern werden mit der Aussage:

„Wir haben damals ja nichts von den wahren Hintergründen der Kirchenausschlüsse erfahren“.

Über diese Zeit schreibt Bezirksältester i. R. Günter Törner in seinem Buch „Kirchenschätze“:

„Die Zeit nach dem 24. Januar 1955 war für alle Beteiligten sehr schwierig (…) Die meisten Geschwister waren verunsichert und ein Werben in beide Richtungen, wenn man überhaupt noch miteinander sprach, war für geraume Zeit an der Tagesordnung. Natürlich verteilte die andere Seite (Anmerkung DK: Die Apostolische Gemeinde) Papiere, in denen die Geschwister über die Vorgänge informiert wurden. Unsere Geschwister waren angewiesen, diese Schriften gar nicht zu lesen, sondern sie dem Feuer im Ofen anzuvertrauen. (…) Schließlich war den Geschwistern von der neuapostolischen Seite zu vermitteln, dass der Ausschluss der drei Apostel den Sonderfall, das Bleiben beim Stammapostel der Regelfall war.“ (Quelle: Kirchenschätze, 11/2012, Seite 167)

In dieser Zeit wird in der Zeitschrift »Unsere Familie«, dem offiziellen Organ der Neuapostolischen Kirche, auch folgender „erzieherischer“ Artikel abgedruckt. Es ist die Ausgabe vom 20. Juli 1957:

Muss man auch „die andere Seite“ hören?
„Du, ich hab’ Dir eine tolle Schrift über unsere Kirche mitgebracht, die mußt Du lesen!”
„Ich denke nicht daran! Wirf Deine ,tolle Schrift’ am besten gleich in den Ofen. Aber brenne sie vorher an, denn der Ofen ist kalt.”
„Mensch, was hast Du denn? Man muß doch auch die andere Seite hören! — Schließlich muß man der Opposition auch eine Chance geben.”
,,O”, erwiderte Erwin, „wozu braucht man im Werk Gottes eine Opposition? Hat Jesus jemals auf die ,Opposition’ gehört? Ich glaube, das wäre dem Erlösungswerk schlecht bekommen!”
„Gewiß, gewiß”, sagte Karl, dessen Eifer schon etwas gedämpft war, „aber irgendwie bekommt man doch ein runderes Bild, wenn man auch die andern anhört.” (…)

Wer jetzt den Bogen in das Jahr 2015 spannt, der kann nur traurig sein, dass dieser Geist nicht gestorben ist. Dabei kommen im Zeitzeugen-Forschungsbericht beide Seiten zu gleichen Teilen zu Wort. Oder sind der Kirchenleitung vielleicht gerade die potenziell offen ausgesprochenen Enttäuschungen der eigenen Mitglieder besonders peinlich?

Heute werden aufklärende Informationen nicht mehr dem Feuer im Ofen anvertraut, sondern ganz im Gegenteil, den Wänden feuerfester Tresore. Die Absichten sind jedoch die gleichen. Verheimlichen, vertuschen, möglichst wieder vergessen machen.

Kürzlich sagte einer der interviewten Zeitzeugen ernüchtert und hörbar frustriert:

„Und ich dachte, in den fast 60 Jahren hätte sich die Neuapostolische Kirche geändert.“


Der ganze Artikel „Muss man auch die andere Seite hören“ aus »Unsere Familie«, Jahrgang 1957, steht hier zum Download bereit:


Die Neuapostolische Kirche versucht sich immer wieder über die Zeit zu retten,
bis endgültig doch der Zeitpunkt kommt, von welchem es heißt:

„Und ich sah die Toten, beide, groß und klein, stehen vor Gott, und Bücher wurden aufgetan. Und ein anderes Buch ward aufgetan, welches ist das Buch des Lebens. Und die Toten wurden gerichtet nach der Schrift in den Büchern, nach ihren Werken.“ (Offenbarung 20, 12)